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HANSA 03-2020

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Finanzierung | Financing Start-ups & Industrie: »In zwei Richtungen gleichzeitig denken« Start-ups stehen beim Eintritt in die maritime Industrie vor rechtlichen, finanziellen und ökonomischen Herausforderungen, zum Teil auch vor Hürden – gerade in Deutschland. Die Investitionen waren zuletzt rückläufig. Doch das Potenzial für alle Beteiligten ist groß. Von Michael Meyer Die britische Unternehmensberatung Thetius hat jüngst enthüllt, dass Start-ups im vergangenen Jahr Rekord-Investitionen aus der Schifffahrt eingesammelt haben. Demnach wurden 1,4 Mrd. $ an Risikokapital (Venture Capital) in maritime Newcomer investiert. 1,4 Milliarden Gründe zur Freude und Zuversicht also? Nicht unbedingt. Oberflächlich betrachtet war 2019 ein rekordverdächtiges Jahr. Das Bild wird jedoch durch die massive Investition von 1 Mrd. $ in Flexport verzerrt. Vielmehr war die Investitionstätigkeit in der Branche ab 2018 sogar leicht rückläufig, da weniger Deals (zu einem höheren Durchschnittswert) abgeschlossen wurden, heißt es bei Thetius. Rechnet man das Investment in Flexport heraus, ging die Risikofinanzierung in der maritimen Branche um 24% auf 144 Mio. $ zurück. Die Anzahl der Transaktionen sank um 8%. Stephan Göthel, Jurist, Gründer und Partner der Hamburger Kanzlei Pier 11, beobachtet diesen Trend ebenfalls. Die Kanzlei hat in den vergangenen Jahren einen Schwerpunkt auf die Themen Venture Capital und Start-ups gelegt. »Die Tendenz ist, das die investitionsstarken Amerikaner vorwiegend in reifere Technologien und weniger kleinteilig investieren wollen«, sagt Göthel im Gespräch mit der HANSA. Gleichzeitig beobachtet er für den Standort Deutschland die Herausforderung, eine zweite oder dritte Finanzierungsrunde umzusetzen. Sogenannte »Business Angels« oder Investoren für kleinere Summen, gibt es zwar durchaus. »Aber wenn es um größere Summen geht, wird es in Deutschland schwierig«, so Göthel. Im Ergebnis wandern einige Start-ups in die USA ab, oder amerikanische Investoren steigen in das hiesige Geschäft ein. Der Standort und das Geld In der maritimen Branche kommen nach der langen Krise erschwerend deren eigene Schwierigkeiten hinzu, weil sie eben selbst kämpfen muss oder sich restrukturiert, während es in anderen Branchen bisweilen mehr ertragsstarke Unternehmen gibt, die investieren können und wollen. Start-ups benötigen Kapital für Wachstum und Entwicklung Die Projekte und Ideen deutscher Startups sind nach Ansicht von Göthel nicht das größte Problem: »Sie müssen sich überhaupt nicht verstecken – gerade, wenn es um Themen geht, die vielleicht nicht e-Commerce-, sondern industriegetrieben sind, also in der Technik oder in der Logistik. Das Problem ist eher, dass es hier nicht die Fonds in der Größenordnung wie in den USA gibt«, so der Experte. In Nordamerika sind die Fonds stärker, weil es mehr risikobereite Anleger gibt. In Deutschland vergeben die Fonds eher kleinere »Tickets«. »Daher kommen Start-ups hier manchmal an eine Grenze, wenn es um die Frage nach einem deutschen Investment geht«, sagt der Experte. Muss eine Idee eingestampft werden, liege es vor allem am fehlenden Kapital, um das Projekt weiterzuentwickeln oder am Markt zu platzieren. Gerade der Vertrieb kann sich als Herausforderung entpuppen im Logistikbe- Flexport dominiert Rechnet man das Flexport-Invest heraus, gingen 2019 ca. 39% der Investments an Unternehmen, die sich auf Handelserleichterungen konzentrieren, etwa Zollabfertigung und Dokumentenmanagement. Auf den Schiffsbetrieb, also Verbesserung der Sicherheit, Effizienz und Crew Welfare, entfielen 22%. Das Schiffsmanagement, also Crewing, Ausbildung, Bunkerung und Flottenoptimierung sicherte sich 21%. 18% entfallen auf den Hafenbetrieb. Der Markt beginnt nach Ansicht der Thetius-Analysten zu reifen: »Nach Jahren, in denen Seed- und kleine Venture-Runden dominierten, wachsen nun einige wenige Stars, die genug Zugkraft haben, um die Einnahme von signifikantem Risikokapital zu rechtfertigen.« Größte maritime Start-up-Deals 2019 Flexport 1.000 Mio. $ Freighthub 53 Mio. $ Traxens 24 Mio. $ Rombit 11 Mio. $ Nautilus Labs 11 Mio. $ © Thetius 14 HANSA – International Maritime Journal 03 | 2020

Finanzierung | Financing reich – ein B2B-Geschäft, bei dem man beispielsweise durch Internetwerbung nicht übermäßig viele Kunden erreicht – anders als beim E-Commerce. »Da geht noch viel mehr« Dieses Problem ist der Branche nicht fremd. Abhilfe könnten Projekte wie der Trade & Transport Impact (T&TI) sein, den der global agierende Dienstleister Rainmaking schon 2018 in Hamburg gegründet hatte. Ziel – und gelebtes Geschäft – des T&TI ist es, große Industriepartner mit Start-ups zusammenzubringen, die über die erste Phase hinaus sind und schon ein mehr oder weniger marktreifes Produkt haben. Führt der Konzern Gespräche mit bestehenden oder potenziellen Kunden, nimmt er das Start-up sozusagen mit in die Verhandlung und sorgt so für Aufmerksamkeit (HANSA 06/19). Göthel kann dem Ansatz einiges abgewinnen: »Ich finde es gut, dass ein Unternehmen seine Kundenzugänge dem Startup öffnet. Ist man noch nicht so bekannt, ist es häufig nicht einfach, Termine bei den maßgeblichen Personen zu bekommen.« Ein Punkt, der für alle Start-ups gilt: Potenzielle Kunden müssen immer abwägen, ob und wenn ja wie und wie lange ein Newcomer am Markt bleiben könnte. Die Integration eines bestimmten Produkts kann etwa eine umfangreiche Umstellung der eigenen Prozesse nötig machen. Corporate Venture Abstract: »Two directions at once« Start-ups face challenges and sometimes hurdles when entering the maritime industry – especially in Germany. But the potential is significant. While the amount of investment is increasing, the number of transactions is declining. When drawing up a contract, it is important to distinguish between venture capital and corporate venturing, as well as the financial valuation of the shares in a company. 32% 5% Dealflow 2019 Dealflow 2019 9% Startkapital (»Seed«) Venture Capital Corporate Venture Zuschuss (»Grant«) 55% Transaktionen nach Segmenten 22% 21% Port Operations Trade Facilitation Ship Operations Ship Management Es stellt sich dann die Frage, ob sich solche Kosten lohnen – gerade in einer krisengeplagten Branche wie der maritimen Industrie. »Da kann ein großer Partner einem Start-up natürlich helfen, indem er sagt: Wir haben bereits umgestellt. Die beste Werbung ist, gute Kunden als Referenz zu haben«, sagt der Jurist. Maritime Start-ups haben es letztlich mit potenziellen Kunden zu tun, die bisweilen vor wichtigen Entscheidungen stehen. Einerseits müssen sie die Fehler und Schwierigkeiten aus der Vergangenheit verarbeiten. Wenn sie sich allerdings nicht auf Investitionen in neue Geschäfte einlassen, verlieren manche ihr Geschäftsmodell. »Man muss in beide Richtungen gleichzeitig denken und investieren. Das macht es so wahnsinnig schwierig«, meint Göthel. Gleichzeitig sieht er aber auch großes Potenzial für Start-ups, wenn die Krise in Gänze überwunden ist. Die Digitalisierung spiele eine entscheidende Rolle in der Branche: »In der Schifffahrt und in der Hafenwirtschaft ist schon einiges passiert, aber da geht noch viel mehr.« Angebot & Nachfrage 18% 39% Ein wichtiger Faktor für diese Entwicklung ist zudem die inhaltliche Komponente. Hannan Carmeli, Gründer und CEO vom Investment- und Beratungsunternehmen theDOCK hat kürzlich eine Analyse veröffentlicht. Die zentrale Fragestellung war: Passen die Angebote der Start-ups überhaupt zu den Bedürfnissen der Branche? Dafür wurden die Bedar- © Thetius HANSA – International Maritime Journal 03 | 2020 15

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